Schwarz kann warten

von Alice Colino

Es gibt ein Ritual, das sich jedes Jahr wiederholt, pünktlich wie der Wechsel der Jahreszeiten: Die Temperaturen sinken, die Tage werden kürzer, und wir öffnen den Kleiderschrank auf der Suche nach Schwarz. Es ist eine fast automatische Geste, die wir mit Eleganz verwechseln, obwohl sie in Wirklichkeit reine Gewohnheit ist.

 

Schwarz beruhigt, steht außer Frage und passt zu allem. Doch wenn wir genauer darüber nachdenken, ist es auch die Farbe, die am wenigsten über die Jahreszeit erzählt, in der wir uns befinden.

Der Herbst, der echte Herbst, war noch nie monochrom. Ein Blick aus dem Fenster genügt: Die Natur bewegt sich in diesen Monaten durch eine Palette tiefer, erdiger, changierender Farben, die selten mit absoluter Dunkelheit übereinstimmen.

 

Es ist kein Zufall, dass der Übergang vom Sommer zum Herbst genau das ist: ein sanftes Verschieben von Nuancen, kein Sprung ins Dunkle. Eine Garderobe aufzubauen, die sich von diesem Übergang statt von einem Winterschlaf inspirieren lässt, bedeutet, präzise Farbrichtungen zu wählen – drei verschiedene Stimmungen mit einem gemeinsamen Nenner: Schwarz mit Bedacht zu ersetzen.

Die erste Farbe ist ein Blau, doch nicht jenes leuchtende Meeresblau, das wir vorerst hinter uns lassen. Es ist ein reiferes Blau, fast nächtlich: der exakte Moment, in dem der Himmel nicht mehr azurblau, aber noch nicht schwarz ist – jenes schwebende Blaugrau, das Maler als „blaue Stunde“ bezeichnen und das in der Fotografie als die fotogenste Minute des Tages gilt.

Kobalt, Petrol, Tintenblau: Es sind Nuancen, die dieselbe Tiefe wie Schwarz bewahren und im Büro genauso gut funktionieren wie am Abend, dem Gesicht aber eine Leuchtkraft zurückgeben, die Schwarz – das muss man ehrlich sagen – oft dämpft. Ein Mantel in diesen Nuancen, oder ein Rollkragenpullover unter einem dunklen Blazer, wird zu einer eleganten Art, nicht auf Strenge zu verzichten und gleichzeitig mehr chromatische Tiefe zu gewinnen.

Die zweite Richtung blickt ins Unterholz. Braun galt jahrelang als „schwierige“ Farbe, fast altmodisch, und ist nun mit überraschender Kraft zurückgekehrt, gerade weil es von Materialität erzählt: Holz, Rinde, Blätter, die auf dem Gehweg trocknen. Kein beliebiges Braun, sondern das von dunkler Schokolade, das Bernsteinfarben gealterten Leders, das fast rötliche Braun von Kastanienrinde.

Es ist eine Palette, die besonders auf strukturierten Kleidungsstücken funktioniert – einem zweireihigen Mantel oder einem Blazer mit betonter Schulterpartie –, weil ihre Haptik mit der Festigkeit des Schnitts harmoniert. Erdige Farben betonen die Konstruktion eines Kleidungsstücks mehr als Schwarz, das Volumen eher verflacht. Auf einem gut geschneiderten Kleidungsstück verbirgt Braun die Sinnlichkeit nicht: Es bringt sie zur Geltung.

Schließlich Bordeauxrot: die Farbe, die mehr als jede andere die Wärme des Herbstes widerspiegelt. Es ist die Farbe des Weins, der bei den ersten Mahlzeiten im Warmen eingeschenkt wird, der Blätter, die sich dunkelrot färben, bevor sie fallen, der Sonnenuntergänge, die kürzer, aber intensiver werden. Es ist eine einhüllende, fast sinnliche Nuance: Warme und tiefe Farben haben eine reale Wirkung darauf, wie wir uns selbst wahrnehmen, und vermitteln ein Gefühl von Wärme, das Schwarz, eine per Definition „abwesende“ Farbe, nicht bieten kann. Auf einem Pullover, einem Hosenanzug oder sogar auf einem Accessoire strahlt Bordeauxrot eine selbstbewusste, nie banale Weiblichkeit aus.

Es geht nicht darum, Schwarz aus dem Kleiderschrank zu verbannen – das wäre weder ein ehrlicher noch ein praktikabler Ratschlag. Es geht darum, es als eine Wahl unter vielen zu betrachten und nicht als die einzig standardmäßig verfügbare. Die Farbtöne, die wir tragen, beeinflussen nicht nur die Wahrnehmung anderer, sondern auch unsere eigene tägliche Energie: So elegant Schwarz auch ist, es ist auch die Farbe, die am stärksten mit Zurückhaltung und Abwarten assoziiert wird – das, was wir fast anziehen, um in den dunkleren Monaten zu „verschwinden“. Nachtblau, Schokolade und Bordeaux erzählen hingegen von einer Jahreszeit, die man aktiv erlebt und nicht bloß erträgt.

In diesem Herbst lohnt es sich, vor dem Schließen der Schranktür über dem gewohnten Schwarz ein kleines Experiment zu wagen. Ein schokoladenbrauner Pullover mit petrolblauen Einsätzen, kombiniert mit einer schlichten Hose: Die Farbkombination übernimmt die gesamte Wirkung und verwandelt ein simples Strick-Hosen-Ensemble in den Augen der Betrachter in ein bis ins kleinste Detail durchdachtes Outfit. Ein bordeaux- oder kirschrotes Kleid anstelle des üblichen kleinen Schwarzen für einen Abendtermin. Ein erdtonfarbener Hosenanzug anstelle von Dunkelgrau für einen Tag im Büro.

 

Es ist keine radikale Revolution. Es ist einfach eine andere, bewusstere Art, elegant zu sein – eine, die der Jahreszeit, die wir gerade erleben, viel näher ist.