Der Buchclub ist der neue gesellschaftliche Anlass

von Francesca Delogu

Es ist acht Uhr abends in einem beliebigen Wohnzimmer zwischen Mailand und Los Angeles. Auf dem Beistelltisch stehen eine Lampe, geöffnete Flaschen, ein Tablett mit Snacks und ein Buch mit Eselsohren in den Seiten. Der neue Aperitivo ist der Buchclub: ein anziehender Treffpunkt für Lit Girls, Romanverschlingerinnen und Surferinnen zwischen Worten und Geschichten. Denn Lesen ist heute auch ein ungewöhnlicher Vorwand, um auszugehen, neue Menschen kennenzulernen und kleine Gemeinschaften rund um einen Titel aufzubauen.

 

Prominente haben als Resonanzboden für dieses Phänomen gewirkt und das Lesen als eine Form der Geselligkeit inszeniert: Von Dakota Johnson bis Dua Lipa, die mit Service95 erkannt hat, dass ein Buch ein stärkerer Anziehungspunkt sein kann als eine Playlist, haben viele Stars das, was immer ein einsamer Akt war, in eine unerwartete Pop-Bewegung verwandelt.

Der Oktober hatte schon immer ein literarisches Herz: Die Kulturwelt hält den Atem an wegen der Bekanntgabe des Literaturnobelpreises, der an Anne Carson verliehen wurde – die kanadische Dichterin und Altphilologin, die für ihre hybriden und experimentellen Werke (wie den Versroman Autobiographie des Roten) gefeiert wird.

 

Unterdessen füllt sich der Kalender in ganz Europa mit Festivals, Lesungen und Messen, darunter die gigantische Frankfurter Buchmesse, auf der entschieden wird, auf welche Geschichten in den kommenden Monaten gesetzt wird.

Wenn das Buch auch zu einer Möglichkeit wird, auszugehen und sich anderen zu präsentieren: Womit beginnt man, um einen anpassungsfähigen und kreativen Dresscode zu kreieren? Der perfekte Verbündete ist Schwarz – ein dichtes Magnetfeld, das Unendlichkeit und Stille in sich trägt, am besten mit einem unerwarteten Detail veredelt.

 

Es ist das „Nicht-Farbe“-Element intellektueller Schwingungen, das seit Jahrzehnten von Schriftstellerinnen mit Freiheit und Ironie getragen wird:

Fran Lebowitz, Essayistin und kritische Stimme des zeitgenössischen New Yorks, trägt es noch heute mit einem maskulinen Blazer und Cowboystiefeln, während Susan Sontag es vollumfänglich einsetzte, wobei jene weiße Strähne im dunklen Haar den einzigen farblichen Bruch darstellte. Lachend sagte sie über sich selbst: „Die Leute erkennen mich eher an dieser Strähne als an dem, was ich geschrieben habe“. Eine originelle Style-Lektion, die man sich merken sollte, denn Schwarz wirkt am besten mit einem Element außerhalb des Gewohnten. Ein Beispiel? Nehmen wir ein etwas strenges Kleidungsstück – einen langen Mantel im Bademantel-Stil, eine Jacke im maskulinen Schnitt oder einen Zopfpullover – und „brechen“ wir es mit einem unbeschwerten Detail wie dem Choker aus Mikroperlen mit bedrucktem Seidenband zum Binden einer Schleife.

Die Style-Lektion von Joan Didion

Rund um Bücher entstehen mitreißende Rituale und aufregende Erfahrungen: Lese-Retreats, literarische Picknicks, immersive Lesungen und Urlaube erleben einen Boom, bei denen das Programm endlich ein paar Stunden vorsieht, in denen alle ihr Smartphone ausgeschaltet lassen müssen. Das Buch ist der Vorwand; gesucht wird vor allem eine fruchtbare Zeit und die Möglichkeit, auf konstruktive und neue Weise zusammen zu sein.Bereits im London des 18.

 

Jahrhunderts verwandelten die Blaustrümpfe (Bluestockings) Gespräche über Bücher und Kunst in eine Form weiblicher Geselligkeit, die das Ziel verfolgte, Netzwerke zu knüpfen sowie Autonomie und Autorität aufzubauen.

Drei Jahrhunderte später ist genau das noch immer der spannendste Aspekt der Rückkehr der Buchclubs: Hinter dem Ritual aus sorgfältig ausgewählten Orten und Büchern überlebt die uralte Idee des Gesprächs als Raum der Freiheit. Hier wird die Suche nach dem passenden Look zu einem anregenden und besonderen Prozess, der dem Aufbau einer kleinen persönlichen Bibliothek ähnelt.

 

Joan Didion, Reporterin, Schriftstellerin und Kulturikone des New Journalism, klebte an ihren Kleiderschrank eine minimalistische Liste dessen, was sie auf jede Reise mitnahm: zwei Röcke, ein Pullover, zwei Paar Schuhe. Dazu kamen die Schreibmaschine, Notizblöcke, aber auch eine Mohairdecke und Bourbon für Motelzimmer, in denen die Klimaanlage nie ausging. Diese Wahl erlaubte es ihr, mühelos „von einer Seite der Kultur zur anderen zu wechseln“, dabei stets wiedererkennbar zu bleiben und niemals deplatziert zu wirken.

Für einen Tag, der in der Buchhandlung beginnen und auf dem Wohnzimmerteppich enden kann, gilt dasselbe Prinzip: wenige, sorgfältig ausgewählte Stücke, die jedem Drehbuch standhalten. Eine gerade geschnittene Hose – makellos und verlässlich für jeden Anlass –, kombiniert mit einem Wollpullover mit Zopfmuster, der auf der Vorderseite mit zahlreichen Perlen besetzt ist, die die Tonalität der Geschichte verändern wie unerwartete Wendungen in Romanen; oder ein schwarzer Mohairpullover im Dégradé-Look, der über den Schultern geknotet und zu einer Hemdbluse aus elastischem Baumwollpopeline getragen wird.

 

Die Alternative ist Weiß – die Farbe des Papiers, des Raums zum Schreiben – im Zusammenspiel unterschiedlicher Materialien:

die Festigkeit der weichen Wolle eines Pullovers mit Perlen auf einem schräg geschnittenen Satinrock, bodenlang und fließend wie eine Seite, die man umblättert.

 

Oft trifft die Theorie bei solchen Anlässen auf eine weit weniger philosophische Frage: die Schuhe. In Turin beispielsweise, während Portici di Carta, wenn zwei Kilometer Freiluft-Buchhandlungen das Zentrum in eine riesige Bibliothek verwandeln, muss man vorbereitet sein: Perfekt sind schwarze Wildleder-Sneakers mit feinem Perlenglanz an den Schnürsenkeln, um leichtfüßig zwischen Piazza Castello und Porta Nuova zu flanieren.

Von der Buchhandlung zum After-Dinner in blauem Samt

Zu den kleinen Revolutionen der modernen Freizeitgestaltung gehört der Jucy Book Rave, ein neues Nightlife-Format aus Tokio, bei dem sich Menschen in Clubs treffen, um zu lesen. Statt zu tanzen oder Smalltalk zu führen, setzen sie sich auf die eigens mit Teppichen ausgelegte Tanzfläche oder auf Stühle im gedämpften Licht.

 

Im Hintergrund legt ein DJ sanfte Ambient-Musik auf und schafft eine ruhige, schwebende Atmosphäre. Man kann sein eigenes Buch mitbringen, aus den vom Lokal bereitgestellten Titeln wählen oder an einem Büchertausch teilnehmen: eine alternative Abendgestaltung für alle, die inspirierende Erlebnisse suchen, die Neugier und Intellekt wecken.

 

Und dann gibt es Abende, an denen der Roman nur der Anfang ist und das Gespräch noch viel länger zu dauern verspricht als gedacht.

Für solche Momente kleidet das Nachtblau von Samt die Seele, schenkt Tiefe und einen Hauch von Magie: Es genügt ein gerade geschnittener Samtblazer mit einem Jersey-T-Shirt mit V-Ausschnitt darunter, eine passende Samthose im selben Stoff und ein seltenes Accessoire – kostbar wie ein Semikolon. Beispielsweise eine kleine perlenbesetzte Beuteltasche, die am Handgelenk getragen wird und in die gerade der Lippenstift sowie ein Notizbuch für Lieblingszitate passen.

 

Alles in allem ist die gelungenste literarische Garderobe jene, die uns überallhin begleiten kann: Eine weiße Bluse aus Baumwollsatin mit plissiertem Plastron im Welleneffekt passt tagsüber unter einen Blazer zur Autorenlesung und wird abends zum Highlight bei einer Buch-Party.

 

Zu später Stunde, wenn die Bücher besprochen und die Gläser geleert sind, bleibt auf einem Sessel ein faszinierendes Detail zurück: ein wendbarer schwarzer Wolltuchmantel, der nur darauf wartet, wieder angezogen zu werden – für das Eintauchen in die Nacht.

Literarischer Herbstkalender

  • 10.–11. Oktober: Portici di Carta in Turin, 2 km Freiluft-Buchhandlungen

  • 16.–18. Oktober: BookaFE in Ferrara, ein Festival für digitale Literatur rund um #booktoker

  • 23.–29. November: BookCity in Mailand, großes Kulturevent mit Autoren und Verlagen sowie kostenlosen Lesungen in der gesamten Stadt